Das Interview mit Marcus Siepen von Blind Guardian fand am 23.9.2010 telefonisch statt.
Für New Metal Media stellte Benjamin Zimmermann die Fragen.

 

NMM: Moin Marcus, schön, dass du anrufst und schön, dass du dir so kurzfristig Zeit für dieses Interview nehmen konntest.

Marcus: Ja, das passt gerade rein. In ungefähr einer Stunde muss ich proben. Die letzte vor der Tour.

NMM:Gut, dann fange ich gleich mal an.Ihr seid in den nächsten Monaten auf Tour. Diese wird dann 2011 durch den Headliner-Auftritt von euch auf dem Wacken-Open-Air gekrönt. Ihr seid ja eine gute Liveband, was können die Fans von euch auf der Tour erwarten?

Marcus: Eine gute Liveband.....hoffe ich. (Lacht) Wir haben uns sehr gut vorbereitet. Wir haben glaube ich 45 Stücke vorbereitet, die wir spielen können, die wir natürlich nicht jeden Abend spielen werden, sonst werden die Konzerten ein bisschen lang. Aber wir können so die Setlist sehr variabel gestalten, weil wir kein bock haben in eine Routine zu verfallen. Wenn du jeden Abend exakt den gleichen Set spielst, wird es irgendwann tödlich langweilig und das wollen wir nach Möglichkeit vermeiden. Und außerdem wissen wir, dass die Leute zu mehreren Shows kommen und nicht nur zu einer Show. Das heißt auch da haben die Leute dann sehr, sehr große Chancen haben wirklich unterschiedliche Sets zu sehen. Und außerdem gibt es da ja auch auch so viele Stücke, dir wir gerne spielen möchten und die wir spielen müssen. Wir brauchen einfach die Auswahl, sonst kriegen wir das alles gar nicht unter. Ich glaube die Sets werden sehr interessant. Wir haben neue Stücke natürlich dabei, wir haben die unverzichtbaren Klassiker dabei, die wir spielen müssen, weil wir sonst gelyncht werden. Wir haben Sachen dabei, die wir lange nicht mehr gespielt haben, die wir spielen wollen und ich glaube, es wird ziemlich cool. Produktionstechnisch sehr viel schönes Licht, Bühnenaufbau, Projektionen, alles Mögliche. Eine gut eingespielte Band, ich glaube das wird ne runde Sache.

NMM: Jo, das hört sich doch super! ich freue mich da auf jeden Fall schon drauf!

Marcus: ja, schön!

NMM: Ich habe vor einiger Zeit in der chinesischen Metalzeitschrift „Xmusick Magazine“ ein Interview von euch gelesen und wollte fragen, ob ihr euch vorstellen könnt in näherer Zukunft in China, Taiwan oder Südkorea aufzutreten?

Marcus: Definitiv! Soviel ich weiß gibt es Anfragen aus China und ich hätte da definitiv sehr, sehr großen bock drauf, weil ich war noch nicht in China und ich finde es immer Klassen, wenn du in einem Land spielst, wo du vorher noch nie warst, weil es ist einfach etwas besonderes. Du weißt nie, was dich erwartet. Wenn du schon zig mal in einem Land gespielt hast, weißt du im Prinzip, was auf dich zukommt. Du weißt, wie die Fans drauf sind, du weißt, auf was für Sachen die wie reagieren. Das heißt natürlich nicht, dass es dann langweilig ist und kein Spaß mehr macht, aber es ist einfach berechenbarer, als wenn du irgendwo hin fliegst, wo du noch nie warst. Wir haben zum Beispiel auf der letzten Tour das erste mal in Südafrika gespielt, das war so ein Kick für uns. Wir haben auf der letzten Tour auch das erste mal in Australien gespielt, was auch ein Kick war, weil in beiden Fällen wussten wir eben überhaupt nicht, was erwartet uns. Wie ist die Metalszene da, wie ist das Equipment da, was wird passieren? Und beides war großartig und von daher: China, sehr gerne.

 

NMM: In China ist die Stimmung ja auch im Aufbruch. Ich war selber bereits da und es gibt da viele, die euch gut finden und die freuen sich mit Sicherheit, wenn ihr nach China kommt.

Marcus: Ja, also ich fände es großartig und wie gesagt, wir haben ein Angebot vorliegen und wenn sich das alles machen lässt, dann sehr, sehr gerne.

NMM: Kannst du mir schon sagen, in welchen Städten ihr da auftreten würdet?

Marcus: Habe ich noch keine Ahnung. Ich habe nur die Mitteilung von unserem Booker bekommen, dass wir ein Angebot haben, aber ich kann im Moment nicht sagen, wie das konkret aussieht. Das heißt, ich habe keine Ahnung wo, wie viele Shows, ich weiß nur von China wurde angefragt, mehr weiß ich noch nicht.

NMM: Früher seid ihr ja häufiger mal mit Iced Earth auf Tour gegangen. Gibt es zwischen euch und Iced Earth Gespräche, das ganze vielleicht mal wieder zu wiederholen.

Marcus: Es gibt jetzt nicht gezielte Gespräche, es passiert ab und zu schon nochmal. Also wir haben 1991 das erste mal mit ihnen getourt, habe 1992 direkt wieder die nächste Tour in der Konstellation gespielt. Die haben dann 1998 für uns mal in Spanien eröffnet, da hatten wir sie mit dabei und man trifft sich dann jetzt seitdem immer wieder irgendwo auf Festivals. Das Problem ist so was im Vorfeld konkret zu planen ist sehr, sehr schwer, weil der Terminkalender beider Bands muss ja zusammen passen, das heißt, beide Bands müssen dann wirklich halbwegs parallel ein Album raus bringen, es darf bei der Produktion keine Verzögerungen geben, alles muss reibungslos klappen und das ist sehr, sehr schwer, so etwas zu planen. Von daher, wenn es irgendwann nochmal klappen sollte, hätte ich da definitiv Bock drauf, aber es ist jetzt nicht so, dass wir uns zu hause hinsetzen und sagen, wir müssen das jetzt irgendwie timen, dass das doch mal mit Iced Earth klappt. Wie gesagt, wenn was durch Zufall oder Schicksal oder wodurch auch immer sich mal wieder ergibt, sehr gerne, nur das kannst du nicht erzwingen.

NMM: Die Homepage www.new-metal-media.de beschäftigt sich ja mit dem Thema „Metal & Behinderung“. Wie geht ihr mit „speziellen“ Fans um? Seid ihr eine Band zum anfassen oder steht ihr dem Thema eher distanziert gegenüber?

Marcus: Wir sind glaube ich schon die Band zum anfassen. Wir haben uns nie irgendwo abgeschottet. Wenn Leute kommen.......wie gesagt, nach dem Konzert hängen wir teilweise selber draußen in der Halle ab. Wenn Leute am Bus warten, wie auch immer, wir sind da glaube ich sehr zum anfassen.

NMM: Ist Blind Guardian eine Band, die sich auch sozial engagieren würde?

Marcus: Wenn sich das im Rahmen lässt, spricht da im Prinzip nichts gegen. Das einzige wo ich immer so ein Problem mit habe ist, wenn so was sehr plakativ gemacht wird, weil ich dann immer so das Gefühl habe: macht die Band das jetzt, weil sie sich sozial engagieren möchte oder macht die Band das, weil sie jetzt gerne im Fahrwasser von einer Aktion gerne mit präsent sein möchte? Manchmal finde ich so was zwiespältig, wenn gerade irgendwie ein Topic da ist und auf einmal stürzt sich jeder drauf und......weiß ich nicht. Aber prinzipiell ist das natürlich eine gute Sache.

NMM: Wie gestaltete sich die Arbeit für „At The Edge Of Time“? Gab es Unterschiede zu den beiden Vorgängern, die ihr ja bereits in eurem eigenen Studio aufgenommen habt?

Marcus: Es gab Unterschiede ja. Es ist zum ersten mal nichts schief gegangen. Es sind keine Verstärker explodiert, es sind keine Festplatten gestorben. Alles lief glatt, es war eine schöne Erfahrung. Und wir haben auch auf eine andere Art aufgenommen. Früher, bei allen vorherigen Alben war es so, dass wir wirklich am Stück gearbeitet haben, das heißt, wir haben wirklich am Anfang alle Schlagzeugparts aufgenommen für alle Songs, danach alle Bässe, alle Rhythmusgitarren alle was auch immer, wirklich alle Songs am Stück abgearbeitet. Das haben wir diesmal nicht gemacht. Wir haben mit ich glaube 3 Stück waren es, angefangen und als die fertig komponiert waren, haben wir die aufgenommen. Und wirklich komplett, also logischerweise in der Reihenfolge, du fängst immer mit dem Schlagzeug an und legst dann Schicht für Schicht drauf. Aber wir haben uns dann wirklich nur auf diese 3 Stücke gestürzt, die komplett fertig gemacht und danach dann in Ruhe Songwriting weiter betrieben und als dann wieder Stücke fertig waren, haben wir die aufgenommen und so weiter, bis dann im Endeffekt alles fertig war. Es war eine sehr entspannte Arbeitsweise muss ich sagen. Es hat Spaß gemacht und ich kann mir vorstellen, dass man das beim nächsten mal auch wieder so macht, weil irgendwie.....es fühlte sich gut an. Man weiß, OK wir machen jetzt die Songs fertig, aber wir haben noch Zeit, wir können danach noch in Ruhe weiter an anderen Songs arbeiten und mussten wir ja auch, weil noch nicht alle fertig waren. Aber es war eine gute Art.

NMM: Schon lange vor der Veröffentlichung von „At The Edge Of Time“ seid ihr bei sozialen Netzwerken wir Twitter oder Facebook sehr aktiv. Was habt ihr euch davon versprochen?

Marcus: Unserer Meinung nach ist das Internet eigentlich das perfekte Medium, um in kürzester Zeit weltweit Leute zu erreichen und da wir nicht unbedingt die Band sind, die ständig mit Alben um sich schmeißt, muss man natürlich dann auch mal vorher winken und sagen: „Hallo, wir sind jetzt  wieder am Start, es kommt jetzt bald was“. Man muss sich ja so ein bisschen bemerkbar machen. Und Internet ist ja eigentlich eine geniale Sache für so was, weil du in allen möglichen Formen, du kannst Bilder, Fotos veröffentlichen, du kannst Videos veröffentlichen, du kannst was schreiben, du kannst Audiosamples online stellen, wenn du das möchtest. Du hast eigentlich alle Möglichkeiten, die eine Band irgendwie braucht, um, wie gesagt, ein neues Album zu bewerben, zu promoten, um den Leuten zu zeigen: „Hallo, wir sind wieder da, uns gibt es noch und folgendes erwartet euch“. Von daher sind wir große Internetfans.

NMM: Und es hat sich ja eigentlich auch bewährt, ihr habt bei Twitter und Facebook sehr viele Followers und Freunde und die Chartpositionen belegen das dann ja auch nochmal.

Marcus: Ja, da waren wir eigentlich sehr zufrieden.

NMM: In manchen Foren wird ja heiß diskutiert, ob „At The Edge Of Time“ zu einem „Kultalbum“ wie „Imagination From The Other Side“ (1995) werden könnte, bzw. es wird bezweifelt, dass es zu einem wird, obwohl die internationalen Chartpositionen dem ja zu widersprechen scheinen. Es ist ja soweit euer erfolgreichstes Album. Was hältst du persönlich eurer neuen CD?

Marcus: Meiner ganz persönlichen Meinung nach ist das die beste CD, die wir bis jetzt je gemacht haben. Also das soll jetzt nichts schlechtes über die „Imaginations“ oder was auch immer für ein Album von uns aussagen. Es ist einfach nur so, dass meiner Meinung nach diese Scheibe ALLES beinhaltet, was Blind Guardian je ausgemacht hat. Du hast die Old-School Sachen, die wirklichen schnellen aggressiven harten Sachen da. Du hast progressivere Sachen da, du hast den mittelalterlichen-folkloristischen Kram drin, du hast bombastische Sachen, bombastischer eigentlich als je zuvor, dadurch, dass wir endlich mal mit einem echten Orchester arbeiten konnten. Und die Platte repräsentiert meiner Meinung nach Blind Guardian wie es kein anderes Album je zuvor gemacht hat, weil du da wirklich alle Facetten von uns drin hast. Und wir könnten nicht glücklicher mit diesem Album sein. Ob sich das jetzt zum einem „Kultalbum“ wie Imaginations entwickeln kann oder nicht habe ich überhaupt keine Ahnung. Die Scheibe ist gerade wie lange auf dem Markt? Eineinhalb Monate? „Imagination“ kam vor 15 Jahren raus, den Vergleich an sich finde ich schon schwachsinnig im Moment (lacht). In 15 Jahren kannst du mich noch mal anrufe und dann schauen wir mal, wie sich das entwickelt hat.

NMM: Das werde ich machen. Das verspreche ich! Du hast eben schon das Orchester angesprochen. Sehe ich das richtig, dass ihr das Orchester, mit dem ihr bei dem Lied „Wheel of Time“ gearbeitet habt, auch für euer Orchesteralbum nehmen werdet?

Marcus: Ja, das siehst du richtig, das haben wir auch schon. Es sind auch schon 4 oder 5 Stücke von diesem Orchester aufgenommen worden und es soll in den Tourpausen, die wir zwischendurch immer mal haben, wenn wir irgendwie mal 2 oder 3 Wochen zu Hause sind, weiter daran gearbeitet werden. Es sollen weitere Aufnahmen kommen. Wir müssen auch noch ein bisschen was komponieren, also es ist jetzt nicht so, dass schon alles fertig komponiert wäre. Aber dieses richtige Orchester zu finden war eben ein sehr, sehr wichtiger Schritt für uns und jetzt kann man wesentlich gezielter daran arbeiten als vorher.

NMM: Ist das Lied „Wheel of Time“ schon in irgendeiner Weise repräsentativ für das Orchesteralbum oder habt ihr das für „At The Edge Of Time“ umgeschrieben?

Marcus: Ursprünglich war es gar nicht für „At The Edge Of Time“ gedacht, weil ursprünglich stammt dieser Song aus dem Orchesterprojekt, bzw. es stammt nicht daraus, sondern es wurde ursprünglich dafür geschrieben, es lag also eine reine orchestrale Version von diesem Lied vor, die aber nicht so funktioniert hat, wie wir uns das gedacht haben. Also es war irgendwie nicht das, was wir wollten und dann meinte Hansi (Hansi Kürsch), lasst doch mal da gucken, ob wir da nicht irgendwie die Metalband hinzufügen und was dann passiert. Dann ist der Song also langsam zu dem geworden, was er im Endeffekt heute ist. Also ursprünglich war er für das Orchesterprojekt gedacht, aber jetzt zu sagen, hört euch „Wheel Of Time“ an und dann wisst ihr, wie das Orchesterprojekt klingt ist auch blöd. Wie gesagt, das sind im Prinzip zwei komplett unterschiedliche Paar Schuhe. Du hast da zwar das große was mitspielt, aber du hast natürlich auch die volle Power der Metalband, die beim Orchesterprojekt nicht da sein wird, weil: Orchesterprojekt = Orchester, keine Metalband. Von daher ist es schwer zu vergleichen.

NMM: Ron, der Betreiber der Internetseite New-Metal-Media und ich werde beide in Hamburg bei eurem Konzert sein. Gibt es für die Fans eine Möglichkeit euch in- oder außerhalb der zu treffen, um zum Beispiel Autogramme zu bekommen? Ich persönlich würde mich natürlich darüber freuen, wenn mir das neue Album signiert wird und abgesehen davon fehlt mir noch bei einem Objekt die Unterschrift von André.....der war irgendwie nie da.

Marcus: (lacht) Hat er blau gemacht? Prinzipiell ist das überhaupt kein Problem. Ich kann allerdings jetzt logischerweise noch keinen Termin sagen, so nach dem Motto dann und dann sind wir da, kommen dann aus dem Bus oder wie auch immer. Aber wie vorhin schon gesagt, wir sind eigentlich nicht die Band die sich großartig abschottet. Also was wir natürlich gerne machen, nach dem Konzert erstmal eine halbe Stunde nur für uns, runterkommen, duschen, wie auch immer. Aber vor der Show sind wir ganz normal unterwegs, das heißt es ist sehr gut möglich, dass man sich in Hamburg Innenstadt sonst wo trifft. Wie gesagt, wir gehen auch ganz normal zu Fuß aus der Halle zum Nightliner zurück, wo man uns immer abfangen kann und wenn Leute da stehen und Autogramme wollen, dann kriegen die sie auch. Das ist das geringste Problem.

NMM: Super, dann bedanke ich mich für das Gespräch!

Marcus: Ja, gern geschehen.

NMM: Es hat mir sehr gefallen. Auch ist ein kleiner Traum von mir wahr geworden, dass ich dich interviewen konnte.....

Marcus: Echt?

NMM: Ja unglaublich......andere würden sagen, ich sei ein Nerd, Blind Guardian süchtig oder so....

Marcus: (lacht) Dir sei vergeben.

NMM: Also danke nochmal. Ich wünsche euch einen guten Tourauftakt am 24.9.2010 in Tilburg, grüß die anderen und dann sehen wir uns ja hoffentlich in Hamburg

Marcus: Ja, also ich werde da sein

  

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